News von der Glarner reformierten Landeskirche

Die junge Seite

von Andri Zubler
min
05.04.2025
Was wäre, wenn man mehr auf seine Umgebung achten und weniger genau auf die Regeln? Wenn man jemand anderem mal den Vortritt überlässt? Ich spreche dabei nicht nur vom Strassenverkehr - sondern vom alltäglichen Leben.

Von Andri Zubler

Vor kurzem war ich in Malta in den Ferien, wo ich mit einem Mietauto die kleine Insel erkundigt habe. Zu Beginn noch ein wenig angespannt im Linksverkehr-Chaos, bin ich mir doch den klar geregelten Rechtsverkehr der Schweiz gewöhnt. Schnell lernte ich jedoch, dass ich die genau eingeprägten Verkehrsregeln ein wenig lockerer sehen muss, um möglichst unfallfrei aus den Ferien zurückzukommen. Als ich lernte, mich in den Fluss des Verkehres einzufügen, fühlte ich mich gleich viel sicherer. Bis zum Schluss blieb unklar, wer wann Vortritt hat, aber man hat sich verständigt. Man hat Blicke, Gesten und Hupgeräusche ausgetauscht, man hat sich bedankt, sich genervt, man hat Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer genommen, sich aber auch mal rücksichtslos in den dichten Verkehr gedrängt. Und es hat funktioniert.

Man parkte dort, wo es gerade einen freien Platz gab, sei dies auf einem offiziellen Parkplatz oder am Strassenrand mit angestelltem Warnblinker, da man schnell im Supermarkt etwas holen musste. Und es hat funktioniert. Zurück in der Schweiz fällt der Kontrast erneut auf. Jeder schaut auf und für sich, Fussgänger stehen mit dem Handy am Streifen, bis die Ampel grün wird, kein einziger Blickaustausch findet mit den Menschen rundherum statt. In der Schweiz ist alles geregelt und geordnet. Hier weiss man genau, wer wann Vortritt hat. Man weiss, wo man wie lange parkieren darf, ohne dass man eine Busse hat. Man weiss, wo man vielleicht ein wenig schneller fahren darf und wo man seine Geschwindigkeit anpassen muss, damit man nicht geblitzt wird. Man hält sich penibelst genau an die gelernten Verhaltensweisen. Und klar, es funktioniert. 

Blickkontakt als Zauberformel
Weshalb also ein gut funktionierendes System ändern, zu etwas, das vielleicht auch weniger sicher ist? Vielleicht überrascht es einige, dass es prozentual in der Schweiz und in Malta gleich viele Verkehrstote im Jahr 2023 gab. Also vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn man alles ein wenig lockerer sieht? Wenn man sich mit anderen Leuten austauscht, abspricht, eine Lösung findet? Wenn man jemand anderem den Vortritt überlässt? Und nein, natürlich spreche ich nicht nur vom Verkehr. Ich spreche vom alltäglichen Leben. Vom Leben, das man führen könnte, wenn man aufhören würde, nur auf die Regeln und sich selber zu schauen. Wenn man damit beginnen würde, aktiv auf andere zu schauen, Rücksicht zu nehmen, Blicke auszutauschen, sich zu bedanken. Wenn man mehr auf seine Umgebung achten würde und weniger genau auf die Regeln. Wenn man mehr leben und weniger bloss funktionieren würde. 

Und vielleicht bringt man so auch einen Funken Abwechslung und Freude in den Alltag.

 

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