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Spiritualität

Denkpause

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!"

21.12.2022
Pfarrer Immanuel Nufer schreibt über Frieden und Gerechtigkeit auf Erden. Der Text ist am 10.12.2022 bereits in den Glarner Nachrichten erschienen.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Dieses wohl bekannteste Adventslied lehnt sich an Psalm 24 an. Es handelt vom wirklichen König dieser Welt, der zugleich der Heiland ist, d.h. derjenige, der den Menschen Leben und Heilung bringt. Der Psalm 24 wurde geschrieben, nachdem Jerusalem, die Hauptstadt und letzte Bastion des jüdischen Königreiches, von den Babyloniern zerstört wurde und ein grosser Teil der Bevölkerung ins Exil verschleppt wurde. Scham und Enttäuschung über den Untergang des eigenen Reiches und die Unzulänglichkeit und Ambivalenz der eigenen Könige waren gross unter den Juden. Diese Erfahrung führte beim Psalmisten und anderen Verfassern alttestamentlicher Schriften zur Einsicht, dass nicht irdische Könige, welche immer wieder enttäuschen, den Menschen das Heil bringen, sondern nur Gott selbst. Gott ist der wahre König der Erde, der den Menschen Frieden und Leben bringt.

Diese Einsicht verarbeitete auch der Pfarrer Georg Weissel, als er vor knapp 400 Jahren die fünf Strophen dieses bekannten Liedes anlässlich der Einweihung einer neuen Kirche in Königsberg am 2. Advent verfasste. Auch damals zeigten sich die Schwächen menschlicher Herrschaft. Fünf Jahre vor Abfassung dieses Liedes brach ein Religionskrieg in Prag aus, der alsbald alle grossen Mächte Europas hineinzog. Um Religion ging es dabei nur vordergründig. Hinter den Auseinandersetzungen standen handfeste politische Machtinteressen und Spannungen, die sich im Vorfeld über Jahrzehnte aufgebaut hatten. Als der Krieg nach 30 Jahren endlich durch den Westfälischen Frieden beendet werden konnte, war fast die Hälfte der Landbevölkerung im damaligen deutschsprachigen Gebiet durch Krieg und Seuchen dahingerafft worden. 

Wenn wir heute unseren Blick in die Welt richten, dann sehen wir uns mit Spannungen und Konflikten konfrontiert, die die wenigsten kommen sahen. Einige sprechen bereits vom 3. Weltkrieg. Wahrscheinlich ist das eine viel zu pessimistische Sicht. Aber die Welt ist eine andere wie vor einem Jahr. Eine Konfrontation zwischen den Grossmächten scheint unausweichlich. Vielleicht aber entwickelt sich alles ganz anders und die Welt wird friedlicher. Wir wissen es letztlich nicht. Diese Unsicherheit bezüglich der Zukunft ist die Konstante, welche die Geschichte uns lehrt und mit welcher wir Menschen leben müssen. 

Mit dieser Unsicherheit zu leben kann entmutigend und beängstigend sein. Worauf sollen wir unser Vertrauen setzen? Das Lied von Georg Weissel erinnert uns daran, uns für diese Welt einzusetzen, auch wenn die Aussichten düster und Enttäuschung über die Mächtigen gross sind. Gott selbst ist der wahre König der Erde. Die Adventszeit lädt uns ein, unseren Blick auf die Geburt Jesu Christi zu richten, des wahren Friedensfürsten, der eines Tages wirklich Gerechtigkeit und Frieden auf diese Erde bringen wird. 

Von Pfarrer Immanuel Nufer


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