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Spiritualität

Nachgedacht

«Alles im Fluss – oder Anfang und Schluss?»

29.12.2022
«πάντα ῥεῖ - panta rhei», alles fliesst, nichts bleibt, wie es ist; - oder wie es der griechische Philosoph Heraklit (540-480 v. Chr.) noch ein wenig genauer ausgeführt hatte: «Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn alles fliesst und nichts bleibt.»

Von Pfarrer Daniel Zubler

Grundsätzlich würden wir ihm wohl zustimmen, dem weisen Griechen. Die Erfahrung machen wir ja täglich. Und die ein wenig in die Jahre-Gekommenen unter uns bemerken dies beinahe täglich beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Es ist zwar weniger ein «Fluss» als ein plötzlich neues Auftreten von noch nicht Dagewesenem im Spiegelbild. Das graue Haar hier an der Schläfe hatte sich gestern doch noch so schön mahagonibraun gespiegelt und die Falte, auch wenn sie von einem zufriedenen Lächeln stammen sollte, hatte gestern auch noch nicht einen so furchig-langen Schattenwurf quer über die Wange gezogen. Ja, so ist alles im Fluss, in denselbigen man eben nicht zweimal steigen kann, weil er nicht mehr derselbige ist.

Wenn nun aber tatsächlich alles im Fluss ist, dann gibt es weder Anfang noch Ende. Also eigentlich auch kein richtiges Silvester mit einem anschliessenden «Hüpfer» ins neue Jahr.

Oder rein wissenschaftlich betrachtet: Was gedenken denn die Astronomen mit ihrem Urknall als Anfang zu tun? Wird er stillgelegt, knallt nicht mehr am Anfang? Was machen wir mit unserer Schöpfungsgeschichte? Da ist ganz und gar nicht alles im Fluss. Im Anfang (man beachte: nicht «Am Anfang») unternimmt da Gott einiges in Tageszyklen, damit wir später eine Lebensgrundlage haben. Aber der «Fluss» des Heraklit scheint da durch einige Staumauern unterbrochen. Und auch dies ist ja eine Lebenserfahrung, die auch so erlebbar und Wirklichkeit ist, wie der heraklitische «Fluss».

Und wenn nun alle recht haben? Der bärtige Grieche, der schöpferische Gott und die Astronomen. Könnte ja sein.

Dann dürfen wir vertrauensvoll im Lebensfluss baden und uns vom Wasser tragen lassen. Wohlwissend, dass es zumindest für uns einen Anfang gegeben hat, der ja gleichzeitig wiederum ein Startpunkt für meinen persönlichen Lebensfluss ist. Dieser Lebensfluss ist tatsächlich immer wieder durch Einschnitte gekennzeichnet. Seien diese von aussen gegeben wie unsere Jahreszeiten oder eben auch Silvester-Neujahr; Karfreitag-Ostern. Aber auch ganz persönliche Einschnitte wie Geburt, Schulanfang (und ich kann Ihnen sagen; - der war für mich nicht sehr fliessend, eher freiheitsraubend), erste Arbeitsstelle, Heirat, Familiengründung, Stellen- oder Lebensortwechsel… Nichts von Fluss, sondern Lebensab- und -einschnitte.

Ist es denn für mein Leben überhaupt so entscheidend, wer recht hat?

Ich glaube, die entscheidende Frage ist doch eigentlich: Wer oder was hält mich im Lebensfluss mit den einprägsamen Lebensabschnitten? Und da lasse ich gerne den putzigen Panda sprechen, welcher mir vor kurzer Zeit mit einem Cartoon auf mein Handy gesendet wurde. Ein kleiner Drache reitet auf seinem Rücken und die beiden spazieren vergnügt durch die Welt. Der Panda fragt:

«Was ist wohl wichtiger, das Ziel oder der Weg?» Der kleine Drache antwortet: «Weiss nicht. Das Wichtigste ist wohl der Weggefährte.»

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gute Weggefährt:innen durch das neue Jahr.

Ihr Pfr. Daniel Zubler, 

Spitalseelsorger

 


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