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Leben & Glauben

Glauben heute

Ein schwarzes Schaf in der Familie

20.12.2022
Zu den verlorenen und heute fast vergessenen Dichtern der Schweiz zählt William Wolfensberger (1889-1918). Der früh an der Spanischen Grippe verstorbene Dichterpfarrer musste bereits in jungen Jahren erfahren: Das Leben eines Sinnsuchenden ist kein Spaziergang und keine Lustpartie.

Von Dr. med. Peter Kamm-Walther*)

Dank meiner Mutter wurde ich auf meinen Zürcher Grossonkel William Wolfensberger aufmerksam. Es hat immer geheissen, er sei das schwarze Schaf der Familie. Was heisst das? William wollte Pfarrer werden. Das führte zum Bruch mit seiner Familie. Sein Vater war Kartonagefabrikant und wünschte sich «keinen Pfaff» in seinen Kreisen. Weil ihm das Germanistikstudium schon im ersten Semester verleidete, wechselte William zur Theologie. Mit dem Erteilen von Nachhilfestunden finanzierte er sich das Studium. Am Karfreitag 1914 trat er seine erste Pfarrstelle in Fuldera an. 

 

«Ich will das Schwerste tun»

Der Gang ins abgelegene Münstertal war bewusst gewählt: «Ich will das Schwerste tun», schrieb er in einem Brief, «es ist eine Flucht». Wolfensberger flüchtete vor einer Frau, in die er sich im Frühling 1910 verliebt hatte, die aber seine Liebe nicht erwiderte. Diese Frau war Toni Wolff (1888-1953), die spätere Geliebte von C.G. Jung. 

Im Münstertal erwies sich William als wahrer Menschenfreund. Er übernahm Aufgaben und Ämter der im Aktivdienst des 1. Weltkrieges befindlichen Männer. Er war Gemeindepräsident, Kassier, Lehrer an der Gesamtschule Fuldera, Organisator und Verteiler von Lebensmitteln, er sanierte Friedhöfe und schaffte für seine Kirche ein Harmonium herbei. Als er sich für die Einführung der Steuerprogression einsetzte, ging das den Menschen dort zu weit. Natürlich vor allem jenen, die im Dorf das Geld und darum auch das Sagen hatten. Nach üblen Verleumdungen zog William die Konsequenz und verliess seine Pfarrstelle fluchtartig. 1917 wurde er Pfarrer in Rheineck, SG. 1918 starb er an den Folgen der Spanischen Grippe. 

 

Das Göttliche ist im Menschen

An meinem Grossonkel überzeugt mich das sozial Religiöse. Er war ein guter Mensch, der seine Pflichten an der Umgebung geleistet hat, im religiös-humanistischen Sinn und Geist eines Leonhard Ragaz. Was er anstrebte, war ein Tatchristentum. Seine Predigten enthielten weder schöngeistige Floskeln noch vertrösteten sie auf ein besseres Jenseits. Die Menschen in seinen frühen Erzählungen (Unseres Herrgotts Rebberg, 1916) leiden viel, sterben im Elend, bringen sich um oder enden im «Irrenhaus». In einer Dissertation über Wolfensberger heisst es: «Mit einem kritischen Blick für gesellschaftliche Missstände und einer ungestillten Sehnsucht nach Liebe und gegenseitigem Verständnis fand er in seinen Erzählungen und Gedichten, Predigten und autobiographischen Schriften immer wieder neue und unerwartete Zugänge zu Religion und Ästhetik.»

Trotz negativer Erlebnisse rappelte sich William immer wieder auf. Seine Überzeugung war: Das Göttliche ist im Menschen. Auch ohne Kirche. Und ob man dem nun Gott, Licht oder wie auch immer sagt. Und bei allem Guten, was man damals tun konnte und es auch heute kann: Es sind immer Neider da. 

 

*) Dr. med. Peter Kamm lebt in Schwanden. Dort führte er von 1973 bis 2005 eine Hausarztpraxis.


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