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Kultur

Aus dem Herzen des Schtetls

Bevor sich Marc Chagall biblischen Motiven zuwandte, malte er das ostjüdische Leben in seiner russischen Heimat. Das Kunstmuseum Basel zeigt diese weniger bekannten Werke.

Eine neue Ausstellung im Kunstmuseum Basel widmet sich dem Frühwerk von Marc Chagall aus den Jahren 1911 bis 1919. Seine Darstellungen des jüdischen Lebens in seiner russischen Heimat gelten als Dokumente einer untergegangenen Schtetl-Welt. Doch eine Verklärung der ostjüdischen Kultur und ihrer Traditionen oder eine Überhöhung der Armut finde man in den Bildern nicht, sagt Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums für jüdische Studien an der Universität Basel. Für den Ausstellungskatalog schrieb er einen Beitrag über Chagalls Darstellung jüdischer Menschen in der russischen Provinz.

Chagalls ostjüdische Identität
Chagall wuchs in einer armen jüdischen Familie in Witebsk im heutigen Weissrussland auf. In der ostjüdischen Kultur blieb er verwurzelt, selbst nachdem er sie verlassen hatte. 1910, mit 23 Jahren, reiste er nach Paris. Seine Kunst habe die französische Hauptstadt gebraucht, «so nötig wie ein Baum das Wasser», meinte er. Doch «die Erde, die die Wurzeln meiner Kunst genährt hatte, war Witebsk. Und ich glaube, ihr in meiner Malerei immer treu geblieben zu sein». Was Chagall damals abbildete, wirke echt, weil er damit vertraut gewesen sei, sagt Alfred Bodenheimer.

Die Bilder aus den Jahren 1914 bis 1919 entstanden, als sich Chagall wieder in Russland aufhielt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, schloss man die Grenzen. So dauerte, was als Familienbesuch von einigen Wochen geplant war, acht lange Jahre. «Als Chagall in Witebsk war, existierte die Kultur der orthodoxen Ostjuden noch, auch wenn ihre Lebensform schon damals in einer tiefen existentiellen Krise steckte», erklärt Bodenheimer.

Den Boden entzogen
Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel zeigt erstmals die vollständige Serie der «vier grossen Rabbiner». «Typen wie diese alten Männer findet man zu jener Zeit», sagt Bodenheimer. Ob sie wirklich Rabbiner gewesen sind, bezweifelt er. Nicht jeder, der jüdische Gebetskleidung trage, sei ein Geistlicher. Gebetsriemen, Thorarolle oder traditionelle Tracht in Chagalls Bildern versteht der Professor für jüdische Religionsgeschichte vielmehr als Zeichen des Eigenen, an dem die Menschen festhalten, während ihrer Existenz «der Boden entzogen wird». Dies sei der Grund, warum «Chagalls Juden trotz ihrer schweren Bürde zuweilen fliegen – nicht aus übermässiger Leichtigkeit», wie man es ihm üblicherweise andichte.

Dass Chagall seinen modernen, urbanen Stil anwende, um angeblich rückständige «Ostjuden» zu porträtieren, werde «zur wichtigen Errungenschaft dieser Bilder und solcher, die ihnen, bis in die Zeit nach dem Holocaust, folgen», schreibt Alfred Bodenheimer im Katalog und verweist damit über die Ausstellung hinaus auf das Spätwerk Chagalls. Das Motiv des Leidens zieht sich durch sein ganzes Schaffen.

Passion: keine christliche Exklusivität
In seinen späten Arbeiten wendet sich der Künstler der Bibel zu. So zeigen die berühmten Fenster im Zürcher Fraumünster aus dem Jahr 1970 die Kreuzigung Jesu. Damit habe Chagall jedoch keine Christianisierung angestrebt, betont Bodenheimer. Im Anklang an den Holocaust erscheine der Jude Jesus hier als Leidensgestalt. Indem Chagall sein jüdisches Selbstverständnis mit der christlichen Bildsymbolik verbindet, schlage er eine Brücke. «Bei Chagall ist die Passion ein Zustand, in den alle Menschen geraten können. Sie verliert ihre Exklusivität und den antijüdischen Ansatz», sagt Alfred Bodenheimer.

Karin Müller, kirchenbote-online, 20. September 2017

Ausstellung: «Chagall – Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919», Kunstmuseum Basel, Neubau, bis 21. Januar 2018, www.kunstmuseumbasel.ch